Viel Vergnügen im alten Wien

Inhaltsverzeichnis

1. Die gute, alte Zeit The Good Old Days

2. Theater! O Theater! Theatre! O Theatre!

3. Wo die Wiener tanzten Where the Viennese Danced

4. Der Prater - Vergnügen für alle  The Prater  - Amusement for All

5. Zauber der Manege The Magic of the Arena

6. Wo ein grüner Buschen winkt Where a Green Sprig Beckons

7. Der Walzer und seine Könige The Waltz and its Kings

8. Die Wiener Operette - ein Universum der Gefühle The Viennese Operetta - a Universe of Feelings

9. Bei den Schrammeln At the Schrammels'

10. Harfenisten, Volkssänger und Fratschlerinnen Harpists, Folk Singers und Fruit Sellers

Textprobe

 Der Walzer und seine Könige

Wenn durch einen Ballsaal heute das Kommando „Alles Walzer!“ hallt, dann ist jener Augenblick gekommen, auf den alle schon gewartet haben, vielleicht der Schönste des Abends. Ja, es ist wirklich ein Kommando, ein fast militärisches. Keiner würde da aber an Befehlsverweigerung denken. Die Frauen in den prächtigen Abendroben, die Männer in Frack oder Smoking, sie alle verwandelt der Dreivierteltakt Sekunden später auf dem Tanzparkett in eine wirbelnde Menge. Die Konturen der Menschen verschwimmen, die Erde scheint in diesem Walzerhimmel zu versinken.

Der Wiener Walzer, wie wir ihn kennen, fand im Wien der Biedermeierzeit Eingang in die Ballsäle und die vielen Tanzlokale. Seine Anfänge reichen allerdings viel weiter zurück, bis zu den Bauerntänzen des Mittelalters. Da war allerdings noch nichts von der Eleganz des Wiegens im Dreivierteltakt zu spüren – wild und ausgelassen gaben sich die Tänzer ihrem Vergnügen hin. Die Bezeichnung „der wilde Weller“ für den Vorläufer des Walzers sagt wohl alles. Dieser ungezügelte Tanz der einfachen Leute eroberte ganz Deutschland, wurde aber immer wieder verboten.
Das Wort Walzer kommt vom alten deutschen „waltzen“. „Auf der Waltz sein“ bedeutete ursprünglich „auf Wanderschaft sein“. Nein, die Tänzer wanderten nicht übers Parkett – im 18. Jahrhundert wurde das Wort aber als Synonym für „sich drehen“ gebräuchlich. Um 1750 sahen die Wiener in einer Stehgreifkomödie dann bereits „Walzen“ als eine Tanzform.
Klingt alles sehr einleuchtend, würden da nicht noch andere Versionen über die Entstehung des Walzers existieren und Anspruch auf Authentizität erheben. So schwören die Italiener, dass der „Volta“ – ein Tanz aus der Renaissance – der Urvater des Walzers gewesen sei. Über verschiedene sprachliche Zwischenstufen habe sich das Wort „Volta“, von lateinisch „volvere“ („sich drehen“), schließlich zum Walzer entwickelt. Dieser Volta war im 16. Jahrhundert verpönt, da er durch übergroße Schritte und weit geöffnete Beine angeblich die Unschuld der Mädchen bedrohte. Mancherorts hatte der Walzer sogar ein Nachspiel hinter Gittern: So wurden in einigen deutschen Städten das „Verdrehen“ und „Herumwerfen“ mit Geldstrafen oder Haft geahndet. Dass der Tanz die Moral, die Sitte oder gar die Gesundheit gefährdete, hörte man auch in späterer Zeit immer wieder. So warnte ein Arzt, der den Walzer offenbar als lebensbedrohend einstufte, Ende des 18. Jahrhunderts: „Der Walzer reizt das Nervensystem und setzt das Blut in eine stürmische Bewegung. Je blonder und zarter die jungen Menschen sind, je lebhafter ihr Temperament und je blühender ihre Gesichtsfarbe, desto sorgfältiger sollten sie sich vor einer solchen gewaltsamen Bewegung, als das Walzen ist, hüten.“
Damit nicht genug – andere Mediziner sprachen sogar von Schwindsucht, Blutsturz, Auszehrung und frühem Tod, mit denen Walzertänzer rechnen müssten. Die Leute damals schienen jedoch sehr leichtsinnig gewesen zu sein, „walzten“ sie doch trotz solcher Horror-Aussichten weiter. Schrecken wir vor übertriebenem Pathos nicht zurück, könnten wir sagen, dass der Walzer stärker als der Tod gewesen sei …
Nach diesen für einen Menschen des 21. Jahrhunderts skurril und lächerlich anmutenden „Erkenntnissen“ wieder zurück zum Streit um den Ursprung des Walzers. Die Franzosen lehnen die „italienische Version“ als falsch ab und stellen ihr entgegen, dass an jenem Tag, als die Revolutionäre die Bastille stürmten, auf den Plätzen von Paris bereits Walzerfeste gefeiert worden seien – der Walzer habe seinen Ursprung also in gallischen Landen … Freilich ein mehr oder minder theoretischer Streit, der die Walzertänzer sicher nicht aus dem Dreivierteltakt bringt.

Eines können wir diesem wohl berühmtesten aller Tänze aber ganz sicher bescheinigen: Er hat an der Wende zum 19. Jahrhundert in der erstarrten Gesellschaftshierarchie eine friedliche Revolution ausgelöst, Schranken zerbrochen, Standesdünkel verschwinden lassen. Ihm gelang das Kernstück: dass Adelige, Bürger und Arbeiter auf dem Tanzparkett beim Drehen im Dreivierteltakt Herkunft und Vorurteile den Menschen anderer Gesellschaftsschichten gegenüber vergaßen. In der damaligen Zeit ein beachtlicher Fortschritt.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts trennte der Tanz die Gesellschaft in zwei Klassen. Dazwischen hatte sich eine Kluft aufgetan, die unüberbrückbar schien – zu unterschiedlich waren die beiden Welten. Auf der einen Seite die strengen höfischen Regeln, die einer unsichtbaren Hand gleich die Tänzer hin- und herschoben, ohne dass sie auch nur die geringste Möglichkeit zu einer individuellen Entfaltung gehabt hätten: Das ließen die komplizierten Figuren des Menuetts mit den eisern festgelegten Schrittfolgen nicht zu. Einen bestimmenden Einfluss übten auch die Rangordnung und die gesellschaftliche Stellung der Tanzenden aus.  Wer zuerst zum Tanz aufs Parkett durfte, wer später – das war nicht dem Zufall überlassen. Beobachter mit einem guten Blick für dieses Zeremoniell konnten sofort erkennen, auf welcher hierarchischen Stufe die einzelnen Tänzer standen. Auf der anderen Seite unterhielten die ursprünglichen Volkstänze die einfachen Menschen, die sich in den Vorstadtlokalen ihren oft derben Vergnügungen hingaben – ohne Zeremoniell, ohne feste Regeln, dafür oftmals mit kräftiger Unterstützung des Alkohols.
Zu ebener Erde und im ersten Stock – so hätte vielleicht Johann Nestroy diese gesellschaftliche Zweiteilung charakterisiert, wäre er im 18. Jahrhundert schon auf der Welt gewesen. Von zwei Seiten wurde schließlich zum Angriff auf die Mauern geblasen, die die Menschen „oben“ von jenen „unten“ trennten. Und als sie fielen, begruben sie so manchen Ballast der Vergangenheit unter sich.
Da wäre zuerst Kaiser Joseph II. zu erwähnen, der mit seiner Politik zu einer „Vereinheitlichung“ des Volkes beitragen wollte. Er setzte den Hebel interessanterweise beim Tanz an. Vielleicht aus der einfachen Überlegung heraus, dass Leute, die feiern, keine Verschwörungen anzetteln. Aber: Öffentlichen Faschingstrubel und Umzüge hatten die gestrengen Behörden in Wien untersagt. Der Adel konnte dieses Verbot leicht umgehen – er zog sich mit seinen Festen in die Ballsäle zurück, vor allem in die Hofburg.
Für das Volk kam die Unterstützung schließlich aus dem Kaiserhaus: Joseph II. öffnete den ursprünglich dem Adel vorbehaltenen Maskenball in den Redoutensälen für alle Stände. Damit brachen plötzlich alle Dämme: Nun konnte in die vielen Tanzsäle, die in dieser Zeit aus dem Wiener Boden wuchsen, jeder gehen. Und so mischten sich die Bevölkerungsschichten: Die Vornehmen tanzten neben den weniger Vornehmen – und keinen störte das. Der soziale Status wurde an der Garderobe abgegeben, kollektive Ausgelassenheit war Trumpf. (...)